Werkzeug oder Ersatz? KI in der Kreativbranche

Lukas Famula
Lukas Famula
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Künstliche Intelligenz ist gekommen, um zu bleiben. Diese Aussage hört man inzwischen so oft, dass sie kaum noch hinterfragt wird. In der Tech-Branche hat sich KI längst als selbstverständliches Werkzeug etabliert: zur Automatisierung, zur Analyse großer Datenmengen oder zur Optimierung von Prozessen. Dort erfüllt sie eine klare Funktion. Sie übernimmt repetitive Aufgaben, beschleunigt Routinen und erkennt Muster, wo menschliche Kapazitäten an ihre Grenzen stoßen.

Problematisch wird es dort, wo diese Logik unreflektiert auf andere Bereiche übertragen wird, insbesondere auf die Kreativbranche. Denn was in technischen Systemen Effizienz schafft, greift in kreativen Prozessen deutlich tiefer ein.

Zwischen KI als unterstützendem Werkzeug und KI als vollwertigem Ersatz menschlicher Kreativität liegt ein grundlegender Unterschied, den wir derzeit allzu leichtfertig verwischen. Mit weitreichenden Konsequenzen für alle, die von kreativer Arbeit leben.

Schreibtisch mit Keyboard / MIDI-Controller und Tastatur

Die Verwechslung von Werkzeug und Ersatz

Ein Werkzeug erweitert menschliche Fähigkeiten. Ein Hammer ersetzt keinen Handwerker, sondern macht ihn effizienter. Eine DAW (Digital Audio Worrkstation) hat Musiker nicht abgeschafft, sondern ihnen neue klangliche Möglichkeiten eröffnet, die analog nie existiert hätten. Photoshop hat Fotografen nicht verdrängt, sondern neue kreative Spielräume geschaffen.

All diese Werkzeuge haben eines gemeinsam: Der Mensch bleibt die entscheidende Instanz. Die Technologie führt aus, was ein kreativer Kopf vorgibt.

KI wird jedoch zunehmend anders eingesetzt. Sie trifft nicht nur unterstützende Entscheidungen, sondern übernimmt den kreativen Kern selbst. Sie komponiert eigenständig Musik, schreibt komplette Texte ohne Briefing und entwickelt Bildkonzepte ohne menschliche Idee als Ausgangspunkt.

Hier vollzieht sich der Übergang vom Werkzeug zum Ersatz. Und genau hier beginnt das Problem.

Die Ökonomie des „Gut genug“

Streaming-Plattformen werden derzeit mit KI-generierter Musik geflutet. Nicht mit experimentellen Kunstprojekten, sondern mit massenhaft produzierten, generischen Content, dessen einziger Zweck Reichweite und minimale Einnahmen sind. Hunderte Tracks pro Woche, hochgeladen von Akteuren ohne künstlerische Ambition, konkurrieren mit Menschen, die Jahre in ihr Handwerk investiert haben.

Dasselbe Muster zeigt sich bei Stockfotos, Illustrationen und Texten. Technisch sauber, stilistisch vertraut, aber selten innovativ. Vor allem aber eines: gut genug.

„Gut genug“ ist der Feind von Exzellenz. Warum einen Designer beauftragen, wenn ein Prompt in 30 Sekunden ein akzeptables Ergebnis liefert? Warum Studiomiete zahlen, wenn ein Algorithmus einen Track erzeugt, der „okay“ klingt? Warum einen Texter engagieren, wenn ein Sprachmodell formal korrekte Sätze produziert?

So entsteht ein Race to the Bottom. Nicht das Beste setzt sich durch, sondern das Billigste. Die Messlatte sinkt auf den statistischen Durchschnitt.

Spotify Seite von The Velvet Sundown
The Velvet Sundown - KI gestütztes Musikprojekt mit Millionen von Streams

Was Algorithmen nicht leisten können

Kreativität entsteht nicht durch Optimierung bestehender Muster. Sie entsteht durch bewusste Regelbrüche, durch Reibung und Fehler, die zu neuen Ideen führen.

Ein Algorithmus, trainiert auf Millionen Datenpunkten, reproduziert das, was bereits funktioniert hat. Er kann Stile imitieren, Konventionen einhalten und Muster kombinieren. Was er nicht kann, ist echte Innovation im eigentlichen Sinn. Denn Innovation bedeutet, etwas zu schaffen, das es zuvor noch nicht gab.

Punk wäre nie entstanden, wenn Algorithmen in den 1970ern entschieden hätten, was marktfähig ist. Hip-Hop wäre zu weit von bestehenden Konventionen entfernt gewesen. Impressionismus hätte als technische Fehlleistung gegolten. Jede kreative Revolution war ein bewusster Bruch mit dem Status quo.

KI kann diesen Bruch nicht initiieren. Sie kann variieren, neu anordnen und kombinieren, aber nicht intentional gegen ihre eigene Logik verstoßen.

Wo KI als Werkzeug sinnvoll ist

Das bedeutet nicht, dass KI in kreativen Prozessen keinen Platz hat. Als Werkzeug genutzt kann sie durchaus enorme Wirkung entfalten.

Ein gutes Beispiel sind KI-gestützte Audio-Mastering-Tools. Professionelles Mastering war lange Zeit teuer, technisch anspruchsvoll und für viele Hobbymusiker unerreichbar. KI-Tools senken diese Einstiegshürde deutlich. Sie analysieren Tracks, erkennen Probleme und liefern brauchbare Ergebnisse für Demos oder unabhängige Veröffentlichungen.

Entscheidend ist jedoch: Sie ersetzen keinen erfahrenen Mastering-Engineer. Die feinen Nuancen, das letzte Quäntchen Qualität und das kontextuelle Verständnis bleiben menschliche Domäne. KI schafft eine neue mittlere Ebene. Sie erleichtert den Zugang, ohne Spitzenleistung zu entwerten.

Genau diesem Prinzip folgen wir auch bei IDENTIC. Wir setzen KI in der Workflow-Automatisierung ein, nicht um Menschen zu ersetzen, sondern um sie zu entlasten. Kundenservice-Mitarbeiter gewinnen Zeit für komplexe Anliegen, Projektmanager für strategische Entscheidungen. KI übernimmt Wiederholung, Konsistenz und Geschwindigkeit. Menschen behalten Urteilskraft, Kreativität und Empathie.

Der Unterschied liegt in Kontrolle und Zweck. Übernimmt KI repetitive Aufgaben und schafft Raum für bessere Entscheidungen, ist ihr Einsatz sinnvoll. Baut sie Barrieren ab und ermöglicht mehr Menschen, kreativ zu arbeiten, entsteht ein echter Mehrwert. Dient sie als Experimentierfeld für neue Ausdrucksformen, ist das spannend. Wird sie jedoch eingesetzt, um kreative Arbeit vollständig zu umgehen, nur weil sie billiger ist, wirkt sie destruktiv.

Bild von iZotope Ozone, einem Tone-Matching und Mastering Tool mit KI Unterstützung
iZotope Ozone - KI gestütztes Mastering Tool

Verantwortung ist keine Option, sondern Pflicht

Technologie ist neutral. Ihre Wirkung entsteht durch den Einsatz. Plattformen, Unternehmen, Auftraggeber und Konsumenten tragen gleichermaßen Verantwortung.

KI-generierte Inhalte sollten transparent gekennzeichnet werden. Nicht als Stigma, sondern als Information. Unternehmen müssen sich nicht nur fragen, was technisch möglich ist, sondern was gesellschaftlich sinnvoll ist. Auftraggeber sollten hinterfragen, ob „gut genug“ langfristig wirklich Wert schafft.

Und Kreative müssen ihre Stimme erheben. Für ihr Handwerk. Für Qualität. Für die menschliche Dimension, die sich nicht berechnen lässt.

Webseite von Bandcamp
Bandcamp - eine der ersten Musikplattformen, die KI aktiv verbieten

Fazit: Werkzeug, nicht Ersatz

Die entscheidende Frage ist nicht technologisch, sondern grundsätzlich: Nutzen wir KI, um menschliche Kreativität zu verstärken oder um sie zu umgehen?

Die Antwort darauf bestimmt, ob wir in einer Zukunft mit echter Vielfalt leben oder in einer Welt aus austauschbarem „gut genug“-Content, der niemanden wirklich berührt.

Bei IDENTIC ist unsere Haltung klar: KI ist ein mächtiges Werkzeug. Doch der kreative Impuls, die Verantwortung und die emotionale Tiefe bleiben beim Menschen.

Technologie sollte ermöglichen, nicht ersetzen. Verstärken, nicht verdrängen. Diese Grenze zu respektieren ist keine Technologiefeindlichkeit, sondern die Voraussetzung dafür, dass kreative Arbeit auch in Zukunft ihren Wert behält.

Lukas Famula

Profil

Lukas Famula

Full Stack Softwareentwickler & AI Engineer